Die Rabenmama

Die Rabenmama

Es ist drei Uhr in der Nacht. Ich liege im Bett in einem Hotelzimmer in Berlin und kann nicht schlafen. Die Massivholzsäulen des Bettes ragen über meinen Kopf, die Laken sind steif von den vielen Reinigungen. Ich zähle die Stuckverarbeitungen an der Decke. Mal sind es zwei, mal drei Betonblumen, dann wieder ein Ast. Ich kann kein Muster erkennen. Was sich der Künstler wohl dabei gedacht hat? Im Hintergrund höre ich leise die Geräusche der Großstadt: grölende Jugendliche, Autohupen, das entfernte Martinshorn eines Krankenwagens. Irgendwo bellt ein Hund. “Die Rabenmama” weiterlesen

Der After-Baby-Body

Der After-Baby-Body

Neulich sah ich auf Instagram ein Bild von Alessandra Meyer-Wölden. In enger schwarzer Leggins und T-Shirt springt sie an der Strandpromenade entlang. Ihre Finger sind zu Peace-Zeichen geformt, hinter ihr sieht man die Skyline Miamis. Ihre blonden Haare wehen im Wind. Sie sieht super happy, super entspannt und vor allem super schlank aus. Dabei hatte sie nur vier Wochen vorher Zwillinge zur Welt gebracht. Einer ihrer Hashtags lautete #fitmom. Die Bunte titelte: „So einen After-Baby Body hatte nicht mal Heidi Klum!“ “Der After-Baby-Body” weiterlesen

Der Alkohol

Der Alkohol

Es ist Sylvester. Ich bin hochschwanger und betrunken. Jedenfalls fühle ich mich so. Ich habe drei Gläser alkoholfreien Sekt getrunken. Alkoholfrei. Ich habe drei Mal auf das Etikett geschaut, um sicher zu gehen, dass nicht doch jemand die Flaschen verwechselt hat. Jetzt bugsiere ich meinen Kugelbauch erneut durch die viel zu volle Wohnung, um zum zukünftigen Superpapa zu gelangen. Der steht, eine Bierflasche in der Hand und einen mit kleinen Sternen bedruckten Papierhut auf dem Kopf, in der Küche. “Der Alkohol” weiterlesen

Der Urlaub

Der Urlaub

Die sardische Sonne knallt auf den einsamen Strand, das türkisene Meer rauscht im Hintergrund. Superpapas Kopf taucht ab und zu zwischen den Wellen auf. Das Baby liegt zufrieden schlummernd im Schatten der Strandmuschel und schnarcht leise. Supermama liegt mit Sonnenbrille und Buch daneben. Alles ist friedlich und entspannt. Die Strapazen der letzten Monate durch die Kombination aus Job, Studium und Neugeborenem vergessen. Alles auf Anfang! Soweit meine Vorstellung als ich auf die Idee kam, dass unsere kleine Familie Urlaub auf Sardinien machen sollte. “Der Urlaub” weiterlesen

Der Kaffeeklatsch

Der Kaffeeklatsch

Ich stehe im gestreiften Badeanzug hüfttief im Wasser des örtlichen Schwimmbads. Der penetrante Chlorgeruch kribbelt in meiner Nase. Es ist Warmbadetag. Mit beiden Händen halte ich Linus, der sich an mich klammert und noch nicht so richtig weiß, was er von dieser Umgebung halten soll. Da geht es ihm wie mir. Heute ist der erste Termin des Babyschwimmkurses. Den Gutschein hierfür hatte ich bereits zur Geburt bekommen. “Der Kaffeeklatsch” weiterlesen

Das Krankenhaus

Das Krankenhaus

Ich stehe in der Teeküche der Station 11 der Kinderklinik, als plötzlich eine Frau hineinstürmt, die Tür hinter sich zuwirft und an der Wand zusammenbricht. Ihr Gesicht ist tränenüberströmt, ihr Körper wird von Schluchzern geschüttelt. Sie trägt einen rosafarbenen Schlafanzug, die Haare sind zu einem unordentlichen Dutt verknotet. Hilflos blicke ich – die Kaffeetasse noch in der Hand – auf die fremde Frau. Ich stelle die Tasse auf die Küchenablage und mache das, was ich für richtig halte: Ich knie mich hin, streichle ihre Schulter und nehme sie in den Arm.  “Das Krankenhaus” weiterlesen

Das Restaurant

Das Restaurant

Superpapa und ich sitzen bei unserem Lieblingsitaliener. Im Hintergrund singt Adele, vor uns steht eine Kerze und ein Glas Barolo. Der Kellner gießt gerade mein Wasser ein. Es ist Datenight. Das Kind wird von Oma und Opa ins Bett gebracht. Ich habe mich in mein schwarzes Kleid gezwängt, dass ich das letzte Mal vor über einem Jahr anhatte – und da hat es irgendwie lockerer gesessen. Außerdem habe ich eine halbe Stunde damit verbracht, den Schuhschrank nach meinen Absatzstiefelletten zu durchforsten.  “Das Restaurant” weiterlesen

Die Schönheit

Die Schönheit

Ich stehe im Badezimmer und versuche meine Wimpern zu tuschen. Die Betonung liegt auf versuchen. Linus sitzt nämlich auf dem befließten Boden und räumt voller Konzentration das Regal unter dem Waschbecken aus. Allein um zu meinen Schminksachen zu gelangen, musste ich über Shampoo- und Cremeflaschen, unzählige Wattestäbchen und eine Quietsche-Ente hinwegsteigen. Als ich endlich die eroberte Wimperntusche zum Auge führe, sehe ich gerade noch wie Linus meine Parfumflasche am Mund ansetzt.  “Die Schönheit” weiterlesen

Der Wäscheberg

Der Wäscheberg

Ich knie auf dem Badezimmerboden und werfe mit Kleidungsstücken um mich. Rechts und links von mir türmen sich Wäscheberge. Es ist so viel Wäsche, dass man annehmen könnte, in unserer Wohnung würde eine zehnköpfige Großfamilie leben. Mindestens. Eine andere Erklärung wäre, dass wir drei Monate nicht gewaschen haben. Auch das ist falsch. Meine letzte große Waschaktion ist drei Tage her. Drei Tage. Wie kann ein Zweieinhalb-Personen-Haushalt in drei Tagen so viel dreckige Wäsche produzieren? “Der Wäscheberg” weiterlesen

Die Kita

Die Kita

Ich lehne an einer geschlossenen weißen Türe, schaue auf die bunten Kinderbilder und warte, dass Linus aufhört „Mama“ zu schreien. Meine Hände zittern, mein Herz pocht laut gegen meine Brust. Ich befinde mich im obersten Stockwerk des Gemeindehauses, in welchem Linus Tagesgruppe untergebracht ist. Dabei ist die Tagesmutter ist ein echter Hauptgewinn: Sie ist liebevoll, geduldig und fürsorglich. “Die Kita” weiterlesen