Die WG-Party

Die WG-Party

Es ist Samstagabend. Ich stehe in buntbedruckter Leggins, weißen Tennissocken und Trikot zwischen zappelnden Körpern im Wohnzimmer einer Studenten-WG und gröle halbherzig zu Britney Spears „Oops I did it again“. Mottoparty Retrosport. Noch vor zwei Jahren hätte ich mich hier so wohl gefühlt, wie mein kleiner Sohn im Sandkasten. Ich wäre beschwipst von Raum zu Raum gehüpft, hätte mir Zigaretten geschnorrt, getanzt und völlig sinnlose Gespräche darüber geführt, was „Oettinger“ doch für eine unterschätzte Biermarke ist.

Irgendwann wäre ich angedüdelt zu meinem Freund geradelt, um ihm meine Liebe zu beteuern und damit sowohl ihn als auch seinen Mitbewohner zu wecken. Den nächsten Tag hätte ich im Schlafanzug im Bett verbracht, wäre irgendwann am Nachmittag aufgestanden um Nudeln zu kochen, hätte mich mit meinen Mitbewohnern verschnackt und fürs Gewissen begonnen einen Uni-Text zu lesen. Spätestens nach dem Tatort wäre ich wieder im Bett gelegen.

Jetzt nippe ich gelangweilt an meinem lauwarmen Gin-Tonic und versuche mich selbst davon zu überzeugen, dass ich Spaß habe und ich immer noch die coole Rampensau von Studentin bin, die ich einmal war.

Obwohl ich seit meiner Schwangerschaft nicht nur meine eigene Partyraucherei aufgegeben habe, sondern eine ernste (vermutlich evolutionsbedingte) Abneigung gegen jeden Menschen entwickelt habe, der auch nur in zehn Meter Entfernung meines Kindes raucht.

Auch der Alkohol mag mir irgendwie nicht so richtig schmecken. Ich weiß, dass mein Sohn morgen früh um 8 Uhr strahlend in seinem Gitterbett steht und bereit sein wird für den Tag. Und obwohl Superpapa dann mir zuliebe mit ihm aufstehen wird, werde ich ein schlechtes Gewissen haben und nicht gemütlich weiterschlafen können.

Statt neue Leute kennen zu lernen und vielleicht sogar ein ganz kleines bisschen zu flirten, erzähle ich jedem, dass der DJ zufällig den gleichen Namen hat wie mein kleiner Sohn. Irgendwie fühle ich mich fehl am Platz. Mein Rücken schmerzt, weil ich Linus am Nachmittag eine Stunde auf den Schultern über das Stadtfest getragen habe. Dabei hat er einen roten Luftballon in der Hand gehalten und über das ganze Gesicht gestrahlt. Wir haben in einer lauten Kinderschar zu „Felix- dem singenden Kater“ getanzt und mit Superpapa die Boote auf dem Neckar gezählt. Und irgendwie hat mir die singende Katze mehr getaugt als die Backstreetboys. Ich ertappe mich dabei, wie ich den vom Alkohol, Konfetti und Schweiß verklebten Parkettfußboden betrachte und darüber nachdenke, wieviel Arbeit es sein wird, dass alles wieder ordentlich sauber zu bekommen.

Mittlerweile stehe ich in der Küche der WG, dessen Bewohner ich nicht kenne, und befülle mein Glas neu. Da springt plötzlich eine Freundin auf mich zu, die ich sehr lange nicht gesehen habe. Wir stellen fest, dass sie bald nach Mailand zieht und uns dann unbedingt in München besuchen muss. Begeistert erkundigt sie sich, welche Worte Linus bereits kennt und bricht in Entzückungsschreie aus, als ich ihr ein aktuelles Foto zeige. Ich bin froh, hier zu sein. Vertraute Menschen wiederzutreffen fühlt sich schön an. Aber eben nicht mehr wie früher. Doch das ist okay. Muttersein hat mich verändert, mein Leben ist jetzt ein anderes. Eigentlich muss ich niemanden etwas beweisen – vor allem nicht mir selbst.

Um 3 Uhr gehe ich als einer der ersten nach Hause und schleiche mich zu meinen Jungs ins Zimmer. Linus liegt mit roten Bäckchen, den Popo in die Luft gestreckt, in seinem Bett. Morgen werde ich gemeinsam mit ihnen frühstücken, eine Radtour machen, die Esel im Nachbarort besuchen, Enten füttern, Schaukeln gehen, Fußball spielen und auf dem Balkon im Plantschbecken toben. Was für eine Party!

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