Die Schönheit

Die Schönheit

Ich stehe im Badezimmer und versuche meine Wimpern zu tuschen. Die Betonung liegt auf versuchen. Linus sitzt nämlich auf dem befließten Boden und räumt voller Konzentration das Regal unter dem Waschbecken aus. Allein um zu meinen Schminksachen zu gelangen, musste ich über Shampoo- und Cremeflaschen, unzählige Wattestäbchen und eine Quietsche-Ente hinwegsteigen. Als ich endlich die eroberte Wimperntusche zum Auge führe, sehe ich gerade noch wie Linus meine Parfumflasche am Mund ansetzt. 

Ich hechte zu ihm und rette Kind und Parfum. In der Hektik platzierte ich die Wimperntusche jedoch so ungeschickt auf dem Fensterbrett, dass sie kurz hin und her rollt und dann prompt in die Toilette fällt. Plumps.

Dabei wollte ich nur aussehen wie ein Mensch, wenn ich gleich unter Leute gehe. Ich blicke aus dem Fenster, um zu sehen, ob die Sonne inzwischen so sehr scheint, dass ich es rechtfertigen könnte, eine Sonnenbrille zu tragen. Fehlanzeige. Der Himmel ist von diesigen Quellwolken überzogen, die Straße laubbedeckt. Das grüngelb der Blätter hat in etwa die gleiche Farbe wie meine Augenringe. Linus ist mal wieder erkältet und wir haben die letzten Nächte beide sitzend verbracht, weil das Kind so besser Luft bekommt.

Aber immerhin habe ich es geschafft zu duschen, während das Superbaby das Regal ausräumte. Mittlerweile kann ich in derselben Zeit duschen, die Usain Bolt braucht um zehn Meter zu rennen. Obwohl ich alle zwei Sekunden den Kopf durch den Duschvorhang strecke, um zu überprüfen, ob Linus nichts Gefährliches veranstaltet.

Also werde ich wohl ungeschminkt, aber dafür nicht mit fettigen Haaren in die Uni gehen. Meine Ansprüche an mich selbst habe ich stark heruntergeschraubt. Aber nur, weil ich jetzt Mutter bin, ist mir mein Aussehen nicht auf einmal total egal. Ich bin ja trotzdem noch dieselbe Frau wie vorher. Ich gehe zwar nie mit hohen Schuhen und perfektem Make-Up auf den Spielplatz, einkaufen oder zum Baby-Musikgarten. Aber eben auch nicht in Jogginghose und mit ungewaschenen Haaren. Oft stehe ich vor dem Spiegel und suche regelrecht nach den Spuren, welche die Geburt an meinem Körper hinterlassen hat. Hier ein Dehnungsstreifen, da ein Kilo Zuviel.

Neulich hat Linus „Baby“ gesagt und auf seine Geburtskarte gezeigt, die an unserem Kühlschrank hängt. Der Unterschied zwischen dem kleinen schwarzhaarigen Wesen und dem blonden Bub, der in Latzhose vor mir stand, war mir in diesem Moment so unbegreiflich. Ein richtiges Wunder! Ein Wunder, dass mein Körper erschaffen hat. Darauf sollte ich in erster Linie verdammt nochmal stolz sein.

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