Die Rabenmama

Die Rabenmama

Es ist drei Uhr in der Nacht. Ich liege im Bett in einem Hotelzimmer in Berlin und kann nicht schlafen. Die Massivholzsäulen des Bettes ragen über meinen Kopf, die Laken sind steif von den vielen Reinigungen. Ich zähle die Stuckverarbeitungen an der Decke. Mal sind es zwei, mal drei Betonblumen, dann wieder ein Ast. Ich kann kein Muster erkennen. Was sich der Künstler wohl dabei gedacht hat? Im Hintergrund höre ich leise die Geräusche der Großstadt: grölende Jugendliche, Autohupen, das entfernte Martinshorn eines Krankenwagens. Irgendwo bellt ein Hund.

Am liebsten würde ich mein Handy nehmen, Superpapa anrufen und mich versichern, dass zu Hause wirklich alles in Ordnung ist. Noch lieber würde ich aus dem Bett hüpfen, meine Sachen in den Business-Handgepäckskoffer werfen, ein Taxi zum Flughafen nehmen und in den nächsten Flieger nach Hause steigen.

Es ist meine erste richtige Nacht weg von Linus seit er auf der Welt ist. Auch die Nacht davor habe ich auf dem Sofa verbracht, um die Jungs nicht aufzuwecken, wenn ich mich früh am Morgen auf den Weg zum Flughafen mache. Eigentlich müsste ich todmüde sein. Den ganzen Tag bin ich von Termin zu Termin durch die Stadt gestapft – am ganzen Körper zitternd, vom eisigen Wind, der zwischen den Häuserblocks hindurchpeitschte.

Ich stelle mir vor, wie Superpapa zu Hause seit Stunden das weinende Kind in der Wohnung auf und ab trägt und es sich nicht beruhigen lässt. Erst seit kurzem stille ich Linus nicht mehr. Entgegen aller meiner (großen) Befürchtungen klappt das erstaunlich gut und er gibt sich nun tatsächlich auch in der Nacht mit Wasser und Tee zufrieden. Er scheint sogar seltener wach zu werden.

Jedes einzelne Mal, wenn ich im letzten Jahr – zu einer Kugel zusammengerollt – am Fußende des Bettes lag, habe ich mir ausgemalt, wie es sein wird, wieder ein Bett für mich zu haben. Einfach schlafen zu können, ohne regelmäßig einen Babyfuß ins Gesicht zu bekommen oder von leisem Schmatzen geweckt zu werden. Nun liege ich, alle Viere von mir gestreckt, im Hotelbett und bin hellwach.

In meinem Kopf schwirren zwei Ängste. Die Erste ist, dass Linus die ganze Nacht durchschreit, weil ich nicht da bin. Mein schlechtes Gewissen, dass ich nach Berlin geflogen bin, um die Geschichte für meine Bewerbungsreportage für die Journalistenschule zu recherchieren, ist riesig. Ich fühle mich egoistisch, obwohl ich weiß, dass das Quatsch ist. Auf der anderen Seite habe ich mindestens genauso viel Angst davor, dass die beiden super ohne mich auskommen. Ein Jahr lang war meine nächtliche Anwesenheit essenziell für Linus Wohlbefinden – auf einmal soll das anders sein. Irgendwann falle ich in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Tag schlendere ich durch ein sonnenüberflutetes Charlottenburg. Bis zu meinem Rückflug habe ich noch einen halben Tag Freizeit. Ich stöbere in kleinen Boutiquen, gehe spontan zum Friseur und trinke mit einer Freundin Cappuccino in einem hippen Café – ohne auch nur ein einziges Mal aufzuspringen, um das Kind davon abzuhalten die Tischdeko auf den Boden zu pfeffern.

Als ich am Abend endlich die Wohnungstür aufsperre, belegt Superpapa gerade in der Küche einen Flammkuchen mit Speck und Zwiebeln. Linus schlummert bereits selig in seinem eigenen Bettchen. Sanft streichele ich über sein Haar.

Viele Wochen und etliche Auswahlverfahren später halte ich die Zusage der Journalistenschule in den Händen. Davon habe ich immer geträumt. Für den ersten Schulblock werde ich erst einmal vier Monate in einer anderen Stadt wohnen. In dieser Zeit sehe ich meinen Sohn nur an den Wochenenden. Noch oft werde ich mich wie eine Rabenmama fühlen, aber vielleicht gehört das schlechte Gewissen einfach dazu, wenn man Karriere und Kind irgendwie vereinen will. Eines weiß ich jedoch ganz sicher: Superpapa schafft das!

 

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