Die Kita

Die Kita

Ich lehne an einer geschlossenen weißen Türe, schaue auf die bunten Kinderbilder und warte, dass Linus aufhört „Mama“ zu schreien. Meine Hände zittern, mein Herz pocht laut gegen meine Brust. Ich befinde mich im obersten Stockwerk des Gemeindehauses, in welchem Linus Tagesgruppe untergebracht ist. Dabei ist die Tagesmutter ist ein echter Hauptgewinn: Sie ist liebevoll, geduldig und fürsorglich.

Während der Eingewöhnung kam ich mir noch regelrecht überflüssig vor, weil Linus so vertieft Spielzeugautos, Kuscheltiere und Bauklötze von A nach B trug und sich sofort auf dem Schoß der Tagesmama kuschelte. So zutraulich hatte ich ihn mit fremden Erwachsenen noch nie erlebt.

Während der Schwangerschaft hatte ich mir eines vorgenommen: Das erste Jahr werde ich mein Kind nicht fremdbetreuen lassen. Als ich dieses kleine Wesen dann in den Armen hielt, konnte ich mir nicht einmal vorstellen, ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Selbst aus dem Badezimmer rannte ich, die Hände noch nass und voller Seifenreste, wieder zurück zu meinem Kind.

Ein Jahr liegt nun hinter mir. Ein Jahr, in dem Superpapa und ich oft nach Hause hetzten, um das Kind rechtzeitig in Empfang zu nehmen. Ein Jahr, in dem ich mindestens 20 Stunden am Tag mit meinem Kind verbracht habe. Doch jetzt soll Linus in eine Tagesgruppe gehen. Für den Anfang dreimal die Woche von 9 bis 13 Uhr. Ich will endlich mein Studium beenden. Außerdem merke ich, wie sehr Linus neue Umgebungen und die Gesellschaft anderer Kinder genießt. Zu Hause kommt es mir manchmal so vor, als wäre er gelangweilt von seinen Eltern, den Spielsachen und der immer gleichen Kinder-CD.

Oft stehe ich, den Kochlöffel in der Hand, das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt, in der Küche und versuche gleichzeitig den Termin für ein Interview abzusprechen und Linus davon abzuhalten, wieder einmal den Mülleimer auszuräumen. Ich kann meinem Kind gar nicht immer meine volle Aufmerksamkeit schenken.

Ich weiß, dass ich in einer Luxus-Situation bin, weil Superpapa und ich beide studieren und flexibel sind. Vielen Eltern bleibt nichts anderes übrig, als ihr Kind mit einem Jahr wegzugeben, weil sie zurück in ihren Job müssen. Trotzdem lehne ich jetzt hier an dieser Tür und mir kommen fast die Tränen. Die Eingewöhnung ist vorbei. Es ist das erste Mal, dass Linus den ganzen Vormittag weg ist. Ich begreife, dass mein Baby jetzt kein Baby mehr ist, welches den ganzen Tag so nah wie möglich bei seiner Mama sein will.

Gleichzeitig fühle ich mich befreit. Endlich kann ich wieder andere Rollen einnehmen. Studentin sein, Frau sein. Es sind banale Dinge, die sich für mich wie Freiheit anfühlen: Einen Friseurtermin machen – ohne sich vorher mit Superpapa absprechen zu müssen; Kaffee trinken – und dabei in Ruhe Zeitung lesen; spontan in die Kleiderboutique schauen – in deren Schaufenster ein rotes Kleid hängt, dass ich seit Wochen bewundere.

Die Tagesmutter sagte bei der Eingewöhnung zu mir: „Es gibt Kinder, da klappt es einfach nicht.“ Superpapa und ich haben Glück. Linus gefällt es so gut, dass er mittlerweile jeden Wochentag von 9 bis 14.30 Uhr zu seiner zweiten Mama geht. Am Nachmittag haben wir dann richtig Zeit füreinander. Wir gehen auf den Spielplatz, Eis essen oder die Bagger auf der Baustelle bestaunen. Vor dem Schlafengehen brabbelt er die Namen der anderen Kinder vor sich hin.

Manchmal hat Linus gute Tage und manchmal schlechte. An guten Tagen rennt er auf die Spielsachen zu, schnappt sich seine Lieblingspuppe und interessiert sich überhaupt nicht mehr für mich. An schlechten Tagen höre ich ihn noch durch die geschlossene Türe „Mama“ rufen und weinen. Dann bricht mein Herz. Ich würde am liebsten hineinstürmen, mein Kind schnappen und es wieder mit nach Hause nehmen. Ich weiß, dass er sich schnell wieder beruhigen wird. Trotzdem muss ich mich jedes Mal kurz an die Wand lehnen und tief durchatmen.

Neulich, Linus hatte am Morgen beim Abgeben fürchterlich protestiert, holte ich ihn wegen eines Arzttermins früher ab. Als ich durch die Tür trat, lief gerade Musik und Linus tanzte, seinen kleinen Körper wie ein dicker Bär hin und her wiegend, zwischen den anderen Kindern durch den Raum. Als er mich sah, rannte er in die Ecke, versteckte sich hinter einem der Vorhänge und sagte: „Nein“. Immer wieder. Er hatte offensichtlich überhaupt keine Lust mit mir mitzukommen. In diesem Moment war ich mir sicher: Wir haben alles richtiggemacht.

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