Der Wäscheberg

Der Wäscheberg

Ich knie auf dem Badezimmerboden und werfe mit Kleidungsstücken um mich. Rechts und links von mir türmen sich Wäscheberge. Es ist so viel Wäsche, dass man annehmen könnte, in unserer Wohnung würde eine zehnköpfige Großfamilie leben. Mindestens. Eine andere Erklärung wäre, dass wir drei Monate nicht gewaschen haben. Auch das ist falsch. Meine letzte große Waschaktion ist drei Tage her. Drei Tage. Wie kann ein Zweieinhalb-Personen-Haushalt in drei Tagen so viel dreckige Wäsche produzieren?

Abgesehen davon haben Linus Klamotten maximal den Umfang eines Geschirrtuchs. Es sagt einem ja keiner, dass man, sobald der Nachwuchs auf der Welt ist, nicht nur das Kind sondern auch sich selbst fünf Mal am Tag umziehen muss. Und jede Nacht das Bett neu beziehen. Und die Unterlage der Wickelkommode. Und den Sofabezug. Nicht zu vergessen die fünftausend Putztücher, Handtücher und Waschlappen, die man braucht, um sowohl das Baby als auch die Wohnung einigermaßen sauber zu halten.

Denn alle fünf Minuten macht Linus „Bäuerchen“ und ein säuerlich riechender weißer Schwall aufgestoßener Milch verteilt sich auf Superpapas T-Shirt und dem Sofa und Linus Body und dem Spucktuch, dass ich eilig zu Superpapa hinüberwerfe. Mittlerweile gibt es keinen Heizkörper, Stuhl oder Fensterbrett mehr, über dem kein fleckiges Spucktuch hängt. Als wäre das nicht genug, muss ich jedes Mal den Bauch einziehen und kurz krabbeln, um ins Arbeitszimmer zu gelangen, da die Türe permanent von einem Wäscheständer versperrt ist.

Meine Oberteile sind auch ohne Linus Zutun klatschnass von den riesigen Milchflecken meiner auslaufenden Brüste. Denn auch wer stillt, darf sich alle zwei Stunden eines neuen Oberteils inklusive BH bedienen. Da hilft auch keine noch so tolle Öko-Baumwolleinlage. Sobald mein Oberarm auch nur ein bisschen gegen meine Brust drückt, gleicht diese einem Springbrunnen. Deswegen ist es auch egal, ob Linus das Bettlaken vollspuckt, weil ich dort sowieso schon überall meine Milch verteilt habe. Selbst in der Nacht wechsele ich mindestens zweimal Stilleinlage und Oberteil. Wer unser Schlafzimmer betritt, den umhüllt augenblicklich eine süßliche Duftwolke von Muttermilch. Wenn ich ohne Kind im Bus auf dem Weg zur Uni sitze, überlege ich mir jedes Mal, dass die Leute mich allein an meinem Geruch als frisch gebackene Mama entlarven.

Aufgrund der Massen an dreckigen Sachen habe ich mein Wäschesystem stark vereinfacht: Es gibt nur noch 40 Grad Wäsche. Sortiert nach hell und dunkel. Ab und zu eine 60 Grad Maschine mit Handtüchern und Unterwäsche. Das war`s! Gebügelt wird nicht mehr. Wollwäsche und Seidengedöns ignoriert. Buntwäsche sowieso. Ich schmeiße die Maschine an. Superpapa hängt auf. Er kann in Rekordzeit den Wäscheständer bestücken – die Sachen sind dann zwar ziemlich verknittert aber darüber kann ich hinwegsehen. Wir haben sie ja sowieso nicht lange an.

Zehn Minuten später stehe ich in neuen sauberen Klamotten am Wickeltisch. Während ich mich kurz bücke um die volle Windel in den Eimer zu werfen, plätschert auf einmal im hohen Bogen ein Pipistrahl auf meine Haare, meine Schultern, die Wand und die frischen Klamotten, die ich bereits ordentlich zurechtgelegt hatte. Linus gluckst dabei so selig, dass Superpapa und ich nicht anders können als mitzulachen. Bis die nächste Ladung Wäsche fertig ist, kuscheln Linus und ich uns ins Bett – in Windel und Unterwäsche.

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