Der Urlaub

Der Urlaub

Die sardische Sonne knallt auf den einsamen Strand, das türkisene Meer rauscht im Hintergrund. Superpapas Kopf taucht ab und zu zwischen den Wellen auf. Das Baby liegt zufrieden schlummernd im Schatten der Strandmuschel und schnarcht leise. Supermama liegt mit Sonnenbrille und Buch daneben. Alles ist friedlich und entspannt. Die Strapazen der letzten Monate durch die Kombination aus Job, Studium und Neugeborenem vergessen. Alles auf Anfang! Soweit meine Vorstellung als ich auf die Idee kam, dass unsere kleine Familie Urlaub auf Sardinien machen sollte.

Im Nachhinein war diese Illusion gar nicht mal abwegig. Der Strand sieht aus wie aus dem Bilderbuch, unser Bungalow ist einfach, aber wildromantisch. Die Temperaturen sind hoch. Sehr hoch. Zu hoch, wenn man ein Baby dabeihat. Schließlich soll das, laut Hautärzten, im ersten Jahr eigentlich noch gar keine direkte Sonneneinstrahlung abbekommen. An dem Strand, eine Minute von unserem Bungalow entfernt, gibt es keinen Schatten. Eigentlich kein Problem, schließlich sind wir mit Strandmuschel und Sonnenschirm ausgestattet. Superpapa und ich wollen alles richtigmachen. Nur mit einer Sache hatten wir nicht gerechnet.

Zwei Wochen vorher in Deutschland: Linus kann sich seit einiger Zeit vom Rücken auf den Bauch drehen und robbt dann gemütlich im Kreis. Ich stehe in der Küche und brate das Gemüse für das Mittagessen an. Immer wieder schiele ich aus dem Türrahmen auf die Krabbeldecke, auf welcher Linus liegt, strampelt und vergnügt vor sich hinbrabbelt. Dann höre ich Superpapa den Schlüssel ins Türschloss stecken und kurz darauf einen erstaunten Aufschrei. Ich renne ins Wohnzimmer, wo Superpapa kniet und Linus fröhlich auf ihn zukrabbelt. Unser Kind krabbelt. Mit sechs Monaten.

Als wir an unserem ersten Urlaubstag auf Sardinien unser Konstrukt aus Sonnenschirmen und Strandmuschel aufbauen, ahnen wir schon, dass unser Plan vielleicht nicht aufgehen wird. Linus krabbelt mittlerweile so schnell und sicher, dass er innerhalb einer Minute nicht mehr auffindbar sein kann. Gleichzeitig hat er eine große Abneigung gegen den Sonnenhut, den ihm Superpapa alle zwei Sekunden neu auf den Kopf setzen und festbinden muss. Seine Neugierde dagegen ist riesig. Und er hat eine Obsession für Schuhe, insbesondere FlipFlops anderer Strandbesucher haben es ihm angetan – sie werden ausgiebig inspiziert und geschmacklich getestet. Während Superpapa noch mit Steinen die Strandmuschel fixiert, habe ich das Kind bereits zwanzig Mal eingefangen, in den Schatten gebracht und es davon abgehalten, sich drei Zigarettenstummel, scharfkantige Seesterne und unzählige Plastikreste in den Mund zu stecken. Nach einer Stunde geben wir auf. Wir brauchen einen Strand mit Schatten, wo Linus nicht auf vier Quadratmetern gefangen ist.

Kurz darauf sitze ich an der zweiten Badestelle in Fußreichweite und versuche den penetranten Geruch nach Schwefel und Kot zu ignorieren, der aus dem ausgetrocknetem Flussbett neben mir aufsteigt. Ich sitze auf unserer Picknickdecke an der einzigen Felswand, welche großzügig Schatten spendet. Alle anderen Strandbesucher befinden sich in der Sonne auf der anderen Seite des Strandes – weg vom Gestank. Linus vergnügt sich derweilen damit, meine Tasche auszuräumen und die Sonnencreme aufzuessen. Ich entdecke einen undefinierbaren Kadaver im Flussbett. Das hier ist auch keine Lösung!

Jeden Morgen blicke ich neidisch auf die Familie im Bungalow neben uns. Ihr Sohn ist einen Monat älter als Linus – und kann noch nicht krabbeln. Wie entspannt es sein muss, wenn das Kind einfach an Ort und Stelle bleibt. Die nächsten Tage fahren wir jeden Tag fünfzehn Minuten mit dem Auto an den riesigen Touristenstrand. Er ist sauber, es gibt durch die vielen Felsen einen großzügigen Schattenbereich – und alles ist voll mit Schweizern. Verkäufer drehen mit Schmuck und Tüchern beladen ihre Runden. Ein Traum für Linus, der sich an all der Action gar nicht satt sehen kann und es genießt, auf eigene Faust durch den Sand zu krabbeln – gefolgt von einer schwitzenden Supermama. Auch ich habe mit der Zeit Spaß am Menschen beobachten, trotzdem sind ein überfüllter Strand und Aufholjagden für Supermama und Superpapa nicht die eigentliche Vorstellung von Erholung.

Deswegen machen wir viele Ausflüge: Wir spazieren durch kleine italienische Dörfer, besuchen drei Tropfsteinhöhlen und machen eine Bootstour – alles schön im Schatten.

Am letzten Abend unterhalte ich mich lange mit der Mutter aus dem Nachbarbungalow. Später, als die Babys bereits friedlich schlummern und die Grillen ihr Lied singen, sagt sie: „Ich habe euch jeden Morgen beneidet, wenn ihr zu einem Ausflug aufgebrochen seid. Unser Kleiner hasst Auto fahren. Immer nur am Strand zu liegen, ist auf Dauer echt langweilig.“ Die Superpapas blicken verwundert zu uns herüber, als wir kurz darauf in lautes Gelächter ausbrechen.

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