Der Kaffeeklatsch

Der Kaffeeklatsch

Ich stehe im gestreiften Badeanzug hüfttief im Wasser des örtlichen Schwimmbads. Der penetrante Chlorgeruch kribbelt in meiner Nase. Es ist Warmbadetag. Mit beiden Händen halte ich Linus, der sich an mich klammert und noch nicht so richtig weiß, was er von dieser Umgebung halten soll. Da geht es ihm wie mir. Heute ist der erste Termin des Babyschwimmkurses. Den Gutschein hierfür hatte ich bereits zur Geburt bekommen.

Da ich mit Neugeborenem weder Zeit, Lust noch Nerven hatte, einmal in die Woche ins Schwimmbad zu fahren, sind wir nun Teil des Fortgeschrittenenkurses für ältere Babys. Alle scheinen sich irgendwie bereits zu kennen. Während ich noch überlege, wie viele Kinder heute wohl schon in dieses Becken gepinkelt haben, kommt eine blonde Frau in einem rosafarbenen Bikini durch das Wasser auf mich zugewatet. In ihrem rechten Arm hält sie ein glucksendes Baby. Es trägt ebenfalls ein rosa Badehöschen. Ich lächele die beiden an. „Na, wer bist du denn?“, fragt die blonde Frau in Richtung Linus. „Das ist Linus.“, antworte ich stellvertretend – denn mein Kind kann ja bekanntermaßen noch nicht sprechen. „Was für ein schöner Name. Das ist Alessia.“, sagt die Frau, ohne eine Gegenfrage abzuwarten. Kurze Zeit darauf stehen wir in einem Kreis. Die Kursleiterin geht mit einer Gießkanne von Kind zu und Kind und fragt die Eltern nach den jeweiligen Namen. Also nicht nach den Namen der Eltern, sondern nach den Namen der Kinder.

Es ist ein seltsames Phänomen. Seit mein Sohn auf der Welt ist, scheine ich nicht mehr Marisa, sondern in erster Linie „die Mutter von Linus“ zu sein.Irgendwie ist es auch leichter über die Kinder ins Gespräch zu kommen. In meinen Handykontakten speichere ich neuerdings „Mama David“ und „Papa Lukas“ anstatt Vor- und Nachname.

Am Nachmittag bin ich mit meinen drei besten Freundinnen in unserem Lieblingscafé verabredet. „Wo hast du denn Linus gelassen?“, werde ich zur Begrüßung gefragt. Die Wahrheit ist: Ich habe ihn zur Oma gebracht – mit voller Absicht. Denn wenn mein Sohnemann dabei ist, dreht sich alles nur um ihn. Ich schaffe es nicht gleichzeitig, dem Gespräch zu folgen, einen Schluck aus meiner Kaffeetasse zu nehmen und Linus im Blick zu behalten, der munter von Tisch zu Tisch spaziert oder wahlweise dabei ist, das Geschirr auf den Boden zu pfeffern. Bei abendlichen Telefongesprächen fallen mir regelmäßig die Augen zu.

Heute möchte ich ausnahmsweise mal in Ruhe darüber sprechen, was mich beschäftigt. Vor allem aber möchte ich wissen, wie es meinen Mädels geht. Freundin Nummer 1 wurde von ihrem Ex-Freund betrogen. Freundin Nummer 2 macht sich Sorgen um ihre pflegebedürftige Großmutter, die immer vergesslicher wird. Freundin Nummer 3 dagegen weiß nicht, ob sie ein Jobangebot in einer anderen Stadt annehmen soll.

Und ich? Ich nehme einen tiefen Schluck aus meiner Kaffeetasse, lehne mich entspannt zurück und erzähle, wie sich heute im Babyschwimmkurs schon wieder niemand für meinen Namen interessierte.

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