Der Alkohol

Der Alkohol

Es ist Sylvester. Ich bin hochschwanger und betrunken. Jedenfalls fühle ich mich so. Ich habe drei Gläser alkoholfreien Sekt getrunken. Alkoholfrei. Ich habe drei Mal auf das Etikett geschaut, um sicher zu gehen, dass nicht doch jemand die Flaschen verwechselt hat. Jetzt bugsiere ich meinen Kugelbauch erneut durch die viel zu volle Wohnung, um zum zukünftigen Superpapa zu gelangen. Der steht, eine Bierflasche in der Hand und einen mit kleinen Sternen bedruckten Papierhut auf dem Kopf, in der Küche.

Heimlich beobachte ich ihn, wie er den Ausführungen seines Gesprächspartners über dessen Autokauf lauscht, gleichzeitig Chips aus einer Schüssel angelt und sich in den Mund schiebt. Dieser Mann wird bald Vater sein. Ich werde ein bisschen nostalgisch und verknallt – wie immer, wenn ich bedüdelt bin.

Ich schnappe mir einen Becher mit Salzstangen, gehe auf Superpapa zu und strecke ihm mein Glas hin: „Probiere bitte mal.“ Superpapa nimmt einen Schluck, verzieht angewidert das Gesicht und trinkt schnell von seiner Bierflasche: „Bäh. Was ist das?“ Ich erkläre ihm ernst: „Ich finde, der schmeckt nach Alkohol.“ Superpapa lacht: „Marisa, da ist definitiv kein Alkohol drin. Das Zeug ist süßer als Traubensaft.“ Auch sein Gesprächspartner mischt sich jetzt ein, nimmt Superpapa mein Glas aus der Hand, trinkt einen Schluck – und dreht sich zur Spüle und spuckt es wieder aus: „Das schmeckt ja fürchterlich.“

Scheinbar ist auf meine Geschmacksnerven kein Verlass mehr. Meine Psyche hat mich reingelegt. Schon jetzt kann ich mich nicht mehr richtig an den Geschmack von Alkohol erinnern. Für den Rest des Abends steige ich auf Wasser um – zur Sicherheit.

Drei Monate später. Ich sitze auf dem Sofa unserer Wohnung und stille – wie so oft. Neben mir steht ein Glas Wasser. Ohne Kohlensäure. Ohne Saft. Das Kind hat Koliken und ich will zumindest nicht daran schuld sein. Deswegen verzichte ich auf Zwiebeln, Knoblauch, Linsen, Lauch, Saft und meinen wertvollen Blubb im Wasser. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen Gin Tonic – mit großen glänzenden Eiswürfeln, Gurke und Zitrone. Der Geschmack des bittersüßen Gins, der meine Kehle hinunterrinnt.

Weitere zehn Monate sind vergangen. Das Kind ist bereits im Bett. Vor kurzem habe ich abgestillt. Ich trage feierlich eine Rotweinflasche und zwei Weingläser in das Wohnzimmer. Wie ich es vermisst habe, abends mit einem Glas Wein, einem Buch und einer Tafel Schokolade auf dem Sofa zu sitzen. Am nächsten Morgen schaffe ich es kaum aus dem Bett, mein Kopf fühlt sich an, als würde jemand mit einem Hammer von innen gegen die Schädeldecke schlagen. Immer wieder. Dabei habe ich gestern nur ein halbes Glas Rotwein getrunken. Ich vertrage nicht mal mehr ein halbes Glas Wein!

Zwei Wochen später im Brauhaus. Ich feiere mit meinen Mädels – alle kinderlos – meine wiedergewonnene (Alkohol-)Freiheit. Jedenfalls ist das der Plan. Ich starte mit Radler. Das schmeckt. Aber nur Limonade wäre noch besser. Egal. Zwei Stunden später gibt uns der Kellner die dritte Runde Schnaps aus. Die angenehme Wärme des Alkohols breitet sich in meinem Körper aus. Ich will weiterziehen, feiern, tanzen. Eine weitere Stunde später stehen wir an der Theke unserer früheren Stammkneipe. Es riecht nach Rauch, dumpfe, viel zu laute, Elektromusik dröhnt aus den Boxen. Freundin Nummer 1 hat sich auf dem Weg dorthin verabschiedet und ist in den Bus nach Hause gestiegen. Freundin Nummer 2 flirtet mit dem Barkeeper. Wieder Schnaps. Freundin Nummer 3 schläft, den Kopf auf die Schulter von Freundin Nummer 4 gelegt, auf dem Sofa in der Ecke. Ich unterhalte mich mit einem Freund aus der Uni. Plötzlich kommt Freundin Nummer 5 angehüpft, stellt sich neben uns, zeigt auf mich und sagt zu meinem Kumpel: „Weißt du, dass das ’ne Muddi ist?“ Peinliche Stille. Eine halbe Stunde später stehen wir draußen vor der Kneipe. Direkt gegenüber ist ein Club. Es ist 0 Uhr. Ich will unbedingt tanzen gehen. Alle anderen wollen heim. Zu Hause stelle ich mich unter die Dusche. Das warme Wasser läuft über meine Kopfhaut und wäscht den Geruch von Rauch aus meinen Haaren. Danach stehe ich in Bademantel und nassen Haaren auf dem Balkon. Ich höre den leisen Ruf einer Eule. Alles ist friedlich. Langsam nehme ich einen Schluck aus meiner Flasche: Wasser mit Kohlensäure – es gibt nichts Besseres.

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