Der After-Baby-Body

Der After-Baby-Body

Neulich sah ich auf Instagram ein Bild von Alessandra Meyer-Wölden. In enger schwarzer Leggins und T-Shirt springt sie an der Strandpromenade entlang. Ihre Finger sind zu Peace-Zeichen geformt, hinter ihr sieht man die Skyline Miamis. Ihre blonden Haare wehen im Wind. Sie sieht super happy, super entspannt und vor allem super schlank aus. Dabei hatte sie nur vier Wochen vorher Zwillinge zur Welt gebracht. Einer ihrer Hashtags lautete #fitmom. Die Bunte titelte: „So einen After-Baby Body hatte nicht mal Heidi Klum!“

Soweit so gut. Alessandra muss man nicht kennen. Sie ist Model, war mal mit Oliver Pocher verheiratet und macht irgendwas mit Schmuck. Mein Problem ist dieser Begriff: After-Baby-Body. Ehrlich gesagt verstehe ich die Bezeichnung auch nicht.

Nach einer Geburt – ob natürlich oder nicht – ist der Bezug zum Körper erst einmal nicht mehr da. Er funktioniert wie eine Maschine, um das Kind zu wärmen, trösten und zu füttern. Der Körper besteht aus schlaffer ausgeleierter Haut mit roten Dehnungsstreifen und vielleicht einer schmerzenden roten Narbe vom Kaiserschnitt. Auch der Babybauch braucht oft Tage und Wochen, um sich richtig zurückzubilden. Entgegen mancher Vorstellung ist der Bauch nicht sofort wieder flach, nur weil das Baby und das Fruchtwasser rausgeflutscht sind. Immer wieder, besonders beim Stillen, zieht sich der Unterleib zu schmerzenden Nachwehen zusammen. Ansonsten fühlt er sich taub an, es fehlt der natürliche Urindrang, die Beckenbodenmuskeln müssen sich erst langsam wieder zurückbilden. Die Nachblutungen sind enorm. Ich wünschte, mir hätte jemand gesagt, wieviel Blut es ist. Teilweise fallen richtige Ballen aus geronnenem Blut – sogenannte „Koagel“ – aus einem heraus. Zusätzlich hatte ich nach der Geburt extreme Wassereinlagerungen und sah aus wie ein aufgegangener Hefeteig. Meine Knöchel hatten ungefähr den selben Umfang wie meine Oberschenkel.

Es war mir aber auch total egal, wie ich aussah und dass da Blut und Schmerzen waren und dass ich drei Tage und Nächte nicht geschlafen hatte. Solange es diesem kleinen Wesen – meinem Kind – gut ging und es gesund war.

Die Frage ist dann nicht, in welche Kleidergröße ich passe, sondern welche Hose ich über die riesige Binde bekomme, die ich tragen muss. Dieses sogenannte Wochenbett dauert sechs bis acht Wochen. Diese Zeit braucht der Körper, um die Veränderungen, die Schwangerschaft und Geburt hinterlassen haben, langsam zu verarbeiten. Währenddessen soll Frau sich schonen, nichts Schweres tragen. Und selbstverständlich auch keinen Sport machen. Nach einiger Zeit darf dann langsam mit der Rückbildungsgymnastik gestartet werden, die aus speziellen sanften Übungen besteht, welche den Beckenboden nicht überlasten. Selbst zu diesem Zeitpunkt hat die Hebamme uns Mamas noch verboten, intensiv Sport zu machen oder Joggen zu gehen.

Direkt nach Linus Geburt saß ich auf dem Sofa und stillte – den ganzen Tag. Außer Superpapa war mit ihm spazieren, dann habe ich geschlafen. Ich war einfach zu müde und schwach, um auch nur das Geschirr abzuspülen. Mein Kreislauf war schlecht und mein Eisenmangel enorm. Ich sah aus wie ein Geist. Sobald ich mich an den Tisch setzte, um in Ruhe zu essen, hat Linus in seinem Stubenwagen nach mir verlangt. Ich kam nicht zum Essen, gleichzeitig hatte ich zu wenig Milch und musste Linus zufüttern. Die Lösung: Ich stopfte einfach zu jeder Gelegenheit irgendetwas in mich rein. Vor allem Schokolade war leicht während des Stillens zu snacken – und hat mich definitiv aufgebaut. In all den Monaten, in denen ich stillte, hatte ich ständig Heißhungerattacken und habe unfassbar viel gegessen: Berge an Spaghetti Bolognese, Pizza und Kartoffelgratin. So viele Kohlenhydrate! Ich brauchte das – sowohl physisch als auch psychisch. In dieser Zeit nahm ich zu. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich wieder einen richtigen Bezug zu meinem Körper hatte. Ein Jahr! Ich habe dann begonnen, langsam wieder auf meine Ernährung zu achten, größtenteils auf Zucker verzichtet und vor allem nicht mehr ganz so viel Nudeln und Brot gegessen. Prompt waren fünf Kilo wieder runter. Ein Kind ist keine Entschuldigung, um sich für den Rest seines Lebens mit Bergen an Essen voll zu stopfen. Aber sich in der ersten Zeit nach der Geburt damit auseinanderzusetzen, ob der Körper irgendwelche Instagram-After-Baby-Body Ideale erfüllt, halte ich nicht nur für unsinnig sondern wirklich für gefährlich.

Wenn Heidi Klum, Beyoncé, Alessandra Meyer-Wölden oder wer auch immer, drei Wochen nach der Geburt ihres Kindes aussehen wie ein fucking Topmodel, dann haben sie einfach gute Gene (oder irgendeine Beauty-OP). Das ist ja auch voll okay, solange es den Leuten bewusst ist, dass es auch andere Gene gibt. Dass es Frauen gibt, die nicht sofort superhappy in der Gegend rumhüpfen, sondern langsam in ihre neue Rolle hineinwachsen müssen und viele Tränen vergießen. Und dass das genauso gut ist und sie nicht zu schlechteren Müttern macht. Nach einer Geburt ist das Aussehen jedenfalls erstmal wirklich das Allerallerletzte, worüber sich Frau Gedanken machen sollte! Punkt. Aus. Basta.

Eine Antwort auf „Der After-Baby-Body“

  1. Liebe Marisa, vielen Dank für diese echten Worte. Und die Podcasts. Mach bitte unbedingt weiter! Es ist so wichtig offen über das Elternwerden zu sprechen und zwar ehrlich und authentisch. Diese Verzerrung der Wahrheit in der Werbung oder eben diesen Prinz Eltern und auch das nicht aussprechen von unschönen Wahrheiten, birgt so viele Gefahren. Keine Frau und kein Mann, die sich in die Echtheit des Mama-/Papaseins begeben, sollten das Gefühl haben es besser tun zu müssen, als sie es tun.

    Ich freue mich deinen weiteren Beiträgen zu folgen und teile fleißig.

    Ganz echte Grüße,
    Yohkurdt

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