Das Studium

Das Studium

Ich sitze, die orangene Stillschlange um meine Hüfte geschwungen, auf dem Sofa und versuche so leise wie möglich zu atmen. Linus ist vor einer halben Stunde an meiner Brust eingeschlafen. Vorsichtig ziehe ich den Laptop näher an meinen Oberschenkel. Um tippen zu können, ohne das Baby zu wecken, muss ich meinen linken Arm in einer unnatürlichen Haltung von mir abwinkeln. Ich weiß, sobald ich mich bewege, wacht Linus auf. Es mag Kinder geben, die brav alleine in ihrem Stubenwagen schlafen – meins gehört definitiv nicht dazu.

Mittlerweile bin ich zumindest auf der dritten von fünf Seiten angelangt. Morgen früh muss ich in meinem Seminar „Religionsethnologie“ einen Essay über den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten abgeben. Das Thema habe ich mir selbst ausgesucht. Trotzdem besteht der Essay bisher nur aus fürchterlich holprigem Geschwafel und überhaupt fehlt der rote Faden.

Wer das liest, würde nicht glauben, dass ich als Journalistin arbeite. Wenn Frauen wirklich Multitasking fähig sind, bin ich definitiv eine Ausnahme! Mein Gehirn ist momentan so weich wie ein Wackelpudding. Dementsprechend hüpfen auch meine Gedanken wirr hin und her: Im einen Moment bin ich noch bei den Nachfahren des Propheten Mohammeds, im nächsten fällt mir ein, dass ich morgen nicht vergessen darf, Windeln zu kaufen. Das Stillen und der Schlafmangel könnten eine Erklärung sein. Aber gestern Morgen habe ich mich zum Beispiel um 6 Uhr aus dem Schlafzimmer geschlichen, in zwei Stunden einen Artikel geschrieben und die Küche geputzt. Es geht also – mit etwas mehr Bewegungsfreiheit. Witzigerweise bin ich, seit ich ein Kind habe, disziplinierter und vor allem effektiver als je zuvor!

Früher setzte ich mich mit dem festen Vorhaben jetzt zwei Stunden zu lernen an den Schreibtisch. Zehn Minuten später stand ich, eine Kaffeetasse in der Hand, im Türrahmen der WG-Küche und diskutierte mit meinen Mitbewohnern über das Liebesleben unserer Nachbarin. Zwei Tage vor der Prüfung saß ich dann jedes Mal, furchtbar gestresst und übermüdet, Tag und Nacht vor meinem Laptop und versuchte, in letzter Minute sämtlichen Stoff in mein Gedächtnis hinein zu prügeln.

Jetzt sagt Superpapa, dass er Linus übernimmt und ich weiß, ich habe eine Zeitspanne von zwei Stunden, in denen er das Kind mit einem ausgedehnten Spaziergang bei Laune halten kann. Die Uhr tickt, bis Mister Dauernuckler wieder nach seiner Brust verlangt. Energisch mache ich mich also daran, Referate vorzubereiten, Vorlesungen zusammenzufassen und meinen Schreibtisch zu sortieren. Ich schaffe in zwei Stunden so viel wie früher in drei Tagen. Dabei hat das Semester gerade erst begonnen.

Sogar meine Noten sind auf einmal besser als je zuvor. Kein Starren aufs Handy, kein Tratsch mit der Sitznachbarin. Stattdessen sitze ich in sämtlichen Seminaren und Vorlesungen in der ersten Reihe und sauge das Gesagte wie ein Schwamm auf. In der Uni bin ich Studentin; zu Hause Mama. Meine Meinung ist etwas wert und ich werde ernstgenommen. Es macht tatsächlich Spaß, den Kopf anzustrengen.

Ab und an lassen sich Studium und Kind sogar super vereinen. Bis zum Ende des Semesters sollen wir ein kulturelles Phänomen in unserer Stadt methodisch analysieren. Ich weiß jetzt schon, welchen Ort ich untersuchen werde: Spielplätze.

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