Das Meeting

Das Meeting

Donnerstag, 7:35 Uhr. Ich stehe, Shape-Wear sei Dank, in Bleistiftrock gequetscht und neuem schwarzen Blazer (ich hoffe, dass Mann in nächster Zeit nicht unsere Kontoumsätze checkt) vor dem Flurspiegel und tusche meine Wimpern.

Heute soll ich meine Projektidee vor dem Komitee präsentieren. An die Konzeptausarbeitung verlor ich die letzten Wochen viele Stunden Schlaf und meinen Vorsatz, ab jetzt auch wirklich, wirklich keine kompletten Toffifee-Packungen mehr auf einmal zu essen.

Superpapa steht in Boxershorts mit friedlichem „Brüll“ auf dem Arm im Türrahmen und reicht mir seine Kaffeetasse. Ganz Business-Frau nehme ich einen Schluck, gebe ihm die Tasse zurück, hauche einen Kuss (weil Lippenstift) und drehe mich zur Tür um. Eine Sekunde später stolpere ich mit meinen High-Heels über die Brio-Spielzeugeisenbahn und sitze nun, wie Aschenputtel, auf dem Flurboden und suche meinen zweiten Schuh.

Alles kein Problem, wäre ich nicht mit meinem Shape-Wear-Hintern auf „Quietschi“, der Ente, gelandet. Das Kind erschrickt und schreit. Da ich aber gerade ganz Business-Frau bin und gleich ein wichtiges Meeting habe, verlasse ich die Wohnung, gehe zum Auto und stehe – völlig stressfreie zwanzig Minuten – früher im Konferenzraum und gehe in Ruhe ein letztes Mal meinen Vortrag durch.

Okay, das war gelogen. In Wahrheit stürze ich mich, wie die böse Schwiegermutter, auf Superpapa und reiße ihm das weinende Kind aus dem Arm. Warum?

  1. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil das Kind durch meine Tollpatschigkeit geweckt wurde!
  2. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Arbeiten gehe!
  3. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe, obwohl ich doch eigentlich weiß, dass es dem Kind bei Superpapa gut geht.

Ich weiß das wirklich, also wirklich, tief in meinem Inneren irgendwo – wenn ich darüber nachdenke. Aber wenn das Kind schreit, erwacht mein Steinzeittrieb und das Muttertier schaltet mein Gehirn aus.

Superpapa dagegen kann den Schalter scheinbar innerhalb von einer Sekunde von Vollblutpapa auf Geschäftsmodus umlegen und in Seelenruhe das Haus verlassen. Aber ihm tröpfelt auch nicht die Milch aus den Brüsten, sobald er IRGENDEIN Baby auch nur von weitem weinen hört. Ich dagegen führe regelmäßig wichtige Telefonate, während das Kind an meiner Brust nuckelt. Wo ist da bitte die Grenze?

Zwei Stunden später blicke ich schließlich in die zufriedenen Gesichter der Chefetage. Niemand, außer mir, bemerkt den leicht säuerlichen Geruch, der aus meiner Tasche strömt, die in einer Ecke auf dem Boden steht. Darin liegt zusammengeknüllt mein neuer Blazer – voll mit Babyspucke.

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