Das Krankenhaus

Das Krankenhaus

Ich stehe in der Teeküche der Station 11 der Kinderklinik, als plötzlich eine Frau hineinstürmt, die Tür hinter sich zuwirft und an der Wand zusammenbricht. Ihr Gesicht ist tränenüberströmt, ihr Körper wird von Schluchzern geschüttelt. Sie trägt einen rosafarbenen Schlafanzug, die Haare sind zu einem unordentlichen Dutt verknotet. Hilflos blicke ich – die Kaffeetasse noch in der Hand – auf die fremde Frau. Ich stelle die Tasse auf die Küchenablage und mache das, was ich für richtig halte: Ich knie mich hin, streichle ihre Schulter und nehme sie in den Arm. 

Tränen und Rotz tropfen auf mein schwarzes Oberteil und hinterlassen hässliche gelbe Flecken. Ich bin überfordert. Die Hockposition ist unangenehm, mein Bein kribbelt und ist kurz davor einzuschlafen. Es fühlt sich seltsam an, diese Frau zu umarmen, über die ich nichts weiß. Graue Strähnen durchziehen ihre Haare. Ich schätze sie auf Mitte 40.

Was ich weiß ist, dass das hier die Station der Kinderchirurgie ist. Und dass nicht alle Kinder hier, wie mein Sohn, nur zwei Nächte für einen kleinen Routineeingriff bleiben müssen. Hier gibt es richtig schlimme Schicksale: Neugeborene, die so verkabelt sind, dass ihre Mütter sie nur einmal am Tag auf den Arm nehmen können. Ältere Kinder mit Herzfehlern, die mit ihren Eltern seit Jahren praktisch in der Klinik leben. Kinder mit schweren Verbrennungen und Kinder, bei denen die Ursache für die Krankheit nicht feststeht und die immer wieder aufwändige Prozeduren erleiden müssen, um vielleicht mehr herauszufinden.

Und ich weiß, was es heißt Mutter zu sein. Diese grenzenlose Liebe, die ich für meinen kleinen Sohn empfinde. Manchmal habe ich ernsthaft Sorge, dass mein Herz einfach platzt. Alles was ich will ist, dass diesem Wesen – meinem Kind – nichts zustößt, dass es keine Schmerzen hat und nichts mitbekommt von dem Leid in dieser Welt. Dafür würde ich alles ertragen. Und wenn das bedeutet, sein eigenes Leben aufzugeben um vierundzwanzig Stunden an einem Gitterbett zu wachen, bei jedem Geräusch aufzuschrecken, von seinem zusammenklappbaren Feldbett aufzustehen und sein Kind zu beruhigen, dann mache ich das. Wenn man Angst um sein Kind hat, dann zerfrisst einen das von innen. Ich kann mir nur vorstellen, wie das sein muss und wie viel Kraft es kostet.

Fünf Minuten später hört die Frau plötzlich auf zu weinen und richtet sich auf. Mein Oberteil ist klatschnass. Ich streichle weiter ihren Arm, versuche beruhigend auf sie einzureden. „Alles wird gut“, sage ich. Immer wieder. Dabei weiß ich das nicht. Ob tatsächlich alles gut wird. Ich weiß nicht, wie krank ihr Kind ist und wie groß die Heilungschancen. Die Frau spricht nur gebrochen deutsch und englisch. Ich verstehe nur Wortfetzen: „my baby“ und „doctor“.

Ich begleite sie zu ihrem Zimmer und bleibe im Türrahmen stehen. Die Ärzte kommen uns entgegen. Sie scheinen – mit was auch immer – fertig zu sein. Auf einem Beistelltisch liegen Kompressen und Blechschalen mit Spritzen und silbernem Werkzeug. Im Bett liegt ein vielleicht sechs Monate altes verkabeltes Baby, einer der Zugänge ist an seinem Kopf befestigt. Die Schwester reinigt gerade eine kreisrunde Wunde am Bauch. Ein künstlicher Darmausgang. Ich lächele der Frau zum Abschied zu, sie blickt nur kurz auf und streichelt weiter den Kopf ihres Babys. Ich kehre ohne Kaffee zurück in unser Zimmer. Superpapa sitzt mit Linus auf dem Schoß am Tisch und liest ihm sein liebstes Tierbuch vor. Wir sind vielleicht Supereltern, denke ich, aber das ist eine Löwenmama!

PS: Löwenmamas und Löwenpapas brauchen rundum Unterstützung und vor allem Schlaf. Doch die Zimmer sind zu klein für richtige Betten. Auf Feldbetten, die tagsüber weggeräumt werden müssen, kann sich niemand richtig erholen. Vor allem keine Mütter, die gerade erst eine Geburt hinter sich haben. In schweren Fällen braucht es Einzelzimmer, zwei kranke Kinder wecken sich ununterbrochen gegenseitig auf  – dann noch die lauten Geräte. Die Pflegekräfte rennen, vor allem nachts, nur von Notfall zu Notfall. So unterbesetzt kann keine (noch so tolle) Pflegekraft einem Patienten gerecht werden. Wir leben zum Glück in einem Land mit toller medizinischer Versorgung aber Krankenhäuser müssen besser subventioniert werden.

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